05.05.2014 23:57

Bildungsurlaub auch für Bayern!

 

CaltaIn Bayern gibt es im Gegensatz zu anderen Ländern keinen Anspruch auf Bildungsurlaub für Arbeitnehmer. Gerade im handwerklichen Bereich stellt das viele Angestellte vor enorme Probleme, wenn sie Zusatzqualifikationen neben dem Beruf erwerben wollen. Im Interview mit dem Politikmagazin “Freies Bayern” erklären Marktgemeinderat Christoph Calta aus Meitingen (Landkreis Augsburg) und der designierte Ortsvorsitzende Lechtal, Thomas Endler, wie sich die Bayernpartei eine sinnvolle Regelung vorstellen würde.

Weiterbildung wird immer wichtiger. Wie kann der Staat Arbeitnehmer hier unterstützen?

Calta: Ich denke nicht, dass sich der Staat hier bei der Bildung an sich besonders einmischen muss. Viele Berufstätige wissen, dass Weiterbildung heute immer wichtiger wird, und sie wissen auch, was ihnen in ihrem Fortkommen hilft. Ich erlebe das laufend im Bekanntenkreis, dass sich Leute um die 30, die beruflich schon etwas gefestigt sind, um Zusatzqualifikationen bemühen. Das Problem ist nur, dass das neben einer vollen Erwerbstätigkeit kaum möglich ist.

In den anderen Bundesländern gibt es dafür meist fünf Tage Bildungsurlaub pro Jahr, in Bayern nicht. Sehen Sie das als Problem?

Endler: Ja, auf jeden Fall. Das ist ja ein immenser Stoff, der hier bewältigt werden muss. Es gibt drei bis vier Wochen Blockunterricht pro Jahr, man muss permanent lernen, um nicht den Anschluss zu verlieren, und sich vor den Prüfungen noch einmal ganz intensiv vorbereiten. Wenn man dafür zumindest einige Tage frei bekommen würde, wäre es eine deutliche Erleichterung.

Welche Regelung würden Sie sich denn für Bayern vorstellen?

Calta: Ich denke, wenn man hier fünf Tage Bildungsurlaub pro Jahr ansetzen würde, würde das sehr weiterhelfen. Dann kann sich ein Arbeitnehmer nochmal einige Tage von seinem Jahresurlaub nehmen und so schon einige Zeit überbrücken.

Wie wird das denn bisher geregelt?

Endler: Die meisten Angestellten nehmen sich unbezahlten Urlaub oder nutzen Überstunden – die sie natürlich vorher durch Mehrarbeit erst einmal ansparen müssen. Man ist da auch auf das Entgegenkommen des Arbeitgebers angewiesen.

Calta: Oft gehen eh schon alle Urlaubstage für die Weiterbildung drauf, teilweise auch mit den Stunden ins Minus. Aber Vollzeitweiterbildung ist kaum eine Option, weil viele in dem Alter schon ein Haus abbezahlen oder Familie haben. Meine Frau zum Beispiel hat jetzt vier Jahre lang ihre Weiterbildung zur Betriebswirtin nebenbei gemacht. Sie hat dafür ihren gesamten Jahresurlaub verwendet. Das bedeutet auf die Dauer einen enormen Stress.

In den Bundesländern, die Bildungsurlaub eingeführt haben, müssen die Arbeitgeber den Lohn weiterzahlen und erhalten allenfalls eine geringe Entschädigung. Bayerische Firmen sind sicher nicht begeistert, wenn das hierzulande auch Gesetz würde.

Calta: Absolut verständlich, gerade für kleinere Firmen wäre das eine deutliche Belastung. Darum wären wir auch sehr für eine staatliche Ausgleichszahlung in voller Höhe.

Was natürlich wiederum den Staatshaushalt belasten würde.

Calta: Die Belastung wäre nicht so bedeutend. Erfahrungswerte aus den anderen Ländern zeigen doch, dass in jedem Jahr gerade einmal 0,5 bis 3 % der Beschäftigten die Möglichkeit überhaupt wahrnehmen. Eine derartige “große Weiterbildung”, die wir meinen, machen doch die meisten Menschen nur ein oder höchstens zwei Mal in ihrem Berufsleben. Insgesamt gesehen wäre das also kaum eine Belastung für den Staat – für die Betroffenen dagegen wäre es eine große Hilfe.

EndlerEndler: Und wenn man sich ansieht, welche Unsummen dafür ausgegeben werden, durch großteils sinnlose “Maßnahmen” für Hartz-IV-Empfänger die Arbeitslosenstatistiken zu frisieren, dann sollte dafür doch erst recht Geld da sein. Wenn ausgerechnet Bayern, das weite Teile der Bundesrepublik finanziert, sich so etwas nicht leisten kann, wäre das schon mehr als traurig.

Die Weiterbildung muss aber nicht berufsbezogen sein. Ein weiterer Grund, warum Bildungsurlaub in den anderen Bundesländern eher kritisch gesehen wird, sind gerade die Themen.

Calta: Das ist richtig, es gibt hier teilweise Seminare, die mit der Arbeitswelt gar nichts zu tun haben. Wenn es – wie bei den in Hamburg anerkannten Bildungsangeboten – um “Einsichten und Aussichten unserer Ernährung und zur globalisierten Nahrungsmittelproduktion”, “Urban Gardening” oder “Brasilien zwischen WM-Begeisterung und Sozialprotest” geht, sind das sicher lauter spannende Themen, denen man sich privat durchaus mal widmen kann. Aber warum der Arbeitgeber jemandem dafür bezahlten Sonderurlaub geben soll, erschließt sich nicht.

Endler: Das liegt natürlich an der Konzeption des Bildungsurlaubs in den jeweiligen Landesgesetzen. Da werden häufig auch gesellschaftliche und ehrenamtsbezogene Angebote gefördert. Die Bayernpartei würde daher eine Beschränkung auf berufliche Anliegen für sinnvoll erachten. Das würde die tatsächliche Inanspruchnahme noch weiter senken und damit wären die Kosten noch weniger ein Gegenargument.

Um nochmal die Sicht des Arbeitgebers zu beleuchten: Finanziell gesehen hat dieser damit zwar keinen Verlust mehr, aber einen zeitweisen Ausfall.

Endler: Das ist richtig, und wir sehen schon ein, dass das für kleinere Unternehmen ein Problem darstellen kann, wenn ein Arbeitnehmer auf einmal für zwei Wochen fehlt. Aber von der Weiterbildung hat ja auch der Arbeitgeber etwas, wenn er danach einen besser qualifizierten Angestellten im Betrieb hat.

Calta: Ich denke, dass unser Konzept bei gerechter Lastenverteilung einen Gewinn für alle Beteiligten bedeutet: Der Staat schafft für einen relativ geringen Kostenanteil qualifizierte Facharbeiter, die deutlich seltener arbeitslos werden. Der Arbeitgeber hat kurzzeitig die Unannehmlichkeit des Ausfalls, kann danach aber langfristig auf einen Spezialisten in seinem Betrieb zurückgreifen. Und der Angestellte selbst muss sich zwar eine Zeit lang zusätzlich anstrengen, sichert aber seinen Job und kann mit Gehaltssteigerungen rechnen.

Endler: Das ist einfach ein ganz anderer volkswirtschaftlicher Wert als ein Seminar über die Fußball-WM.

 

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